Autismus und Wissenschaft – neue Perspektiven?

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1. Vorwort
Dass ich keinen wohldotierten Posten in der Wissenschaft habe ist zum einen mit Sicherheit positive Voraussetzung für die Neuheit und Unabhängigkeit der folgenden Gedanken. Zum anderen ist es aber auch aufgrund mangelnder Ressourcen eine Beschränkung. Diese führt dazu, dass dies hier nur eine grobe Skizze sein kann, ein Essay, dem die meisten Bedingungen für eine wissenschaftliche Arbeit fehlen. So muss ich auf die Nennung der Quellen weitestgehend verzichten, obwohl sie natürlich vorhanden sind. Und auch die Überprüfung  der Hypothesen und Ideen ist mir leider nicht möglich.
Mein Ziel ist nicht Recht zu behalten, sondern die Autismus-Forschung zu bewegen.

2. Einleitung
Schon 2008 beklagte Lynn Waterhouse in dem Artikel "Autism Overflows: Increasing Prevalence and Proliferating Theories" die "ad hockery" der Forschung. Trotz steigender Häufigkeit des Auftretens von Autismus und zunehmender Forschung fehle es an einer konsistenten Theorie.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Trotz rasant steigender Zahl von Autismus-Diagnosen und Forschungsaktivitäten kann man die Ergebnisse zusammenfassen mit "Ja – Nein – Doch – Vielleicht".
Mein Ziel ist es zu zeigen, dass die Ursache dafür darin liegt, dass hauptsächlich die Psychologie (1)

- auf einer unzureichenden theoretischen Grundlage
- mit falschen Mitteln
- am falschen Ort
- nur die Hälfte des Phänomens "Autismus"
untersucht.

Nur die Hälfte des Phänomens, weil nur die Problemseite aber nicht die "feature"-Seite von Autismus untersucht wird. Aber eine umfassende Theorie muss auch in der Lage sein die qualitativen Vorteile bezüglich z.B. Gedächtnis, Informationsverarbeitung, Ehrlichkeit … zu erklären.

Mit den falschen Mitteln, weil sich die Psychologie fast ausschließlich auf quantitative Daten stützt und qualitative Erhebungen vernachlässigt.
Doch aufgrund der letztlich doch geringen Zahl an Autisten sind die Stichprobengrößen in aller Regel erbärmlich und eine statistische Auswertung ist häufig ein Witz. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Zusammenfassung der verschiedenen Autismusformen zur "Autismus-Spektrum-Störung" im ICD-11 nur dazu dient, wenigstens halbwegs ordentliche Stichprobengrößen zu erhalten.

Und am falschen Ort, weil sich die Forschung alleine auf die Kognitionspsychologie stützt und die Sozialpsychologie vollkommen ausblendet.

Das ganze ausgestattet mit einer unzureichenden theoretischen Basis, weil sich die Positivmerkmale von Autismus mit der gängigen Evolutionstheorie nicht erklären lassen. Die Evolution des Menschen und des menschlichen Denkens müssen umgedacht werden, will man die Fähigkeiten von Autisten auch erklären.

Die augenblickliche Ausrichtung der Autismus-Forschung nutzt nicht nur nicht der Hilfe und Unterstützung von Autisten – sie steht diesen sogar im Wege!


3. Nur die Hälfte des Phänomens

Gray und Attwood waren mit ihrem Artikel "Entdeckung von Aspie" die Vorreiter dafür, auch die positiven Seiten und die besonderen Fähigkeiten beim Asperger Syndrom zu betrachten. Durchgesetzt hat sich diese Idee jedoch leider in der Forschung überhaupt nicht.
Gesucht wird nur nach den negativen Symptomen und nach Erklärungen für diese.
Doch genau die positiven Eigenschaften, die man bei Autisten findet, sind aufschlussreich.
Und nur eine Theorie, die auch diese erklären kann, ist vollständig.


4. Forschung am falschen Ort

Bricht sich ein Mensch ein Bein, dann wird der Arzt das Bein untersuchen. Und auch wenn das Auftreten mit dem Bein Schmerzen bereitet, wird wohl kaum jemand auf die Idee kommen, den Boden zu untersuchen.
Doch so einfach ist es beim Autismus nicht.
Wenn Autismus gekennzeichnet ist durch "Probleme in der sozialen Kommunikation", dann reicht es eben nicht, nur die Probleme beim Autisten zu untersuchen.
Im Gegenteil muss auch gefragt werden

- welche Arten und Ebenen von Kommunikation gibt es?
Z.B. bewußte und unbewußte Kommunikation, Mimik, Gossip (4) … "geteilte Aufmerksamkeit" und "geteilte Intentionalität" (2)

- wo findet Komnunikation statt?
Im wesentlichen in Gruppen. Und nicht zwischen Individuen sondern zwischen Gruppenmitgliedern!

- wozu dient Kommunikation?
Eben nicht allein nur zur Verständigung, sondern zur Verständigung innerhalb der eigenen Gruppe (in-group) und zur Abgrenzung von der out-group. Dialekte sind der Ausdruck genau dieser Abgrenzung. (3)

Und um Autismus zu verstehen muss gefragt werden, bei welchem Teil, also bewußter oder unbewußter Kommunikation, und auf welcher Ebene der Kommunikation die Probleme liegen.
Der kognitionspsychologische Blick auf Autismus ist zwar notwendig, aber in keiner Weise hinreichend!
Wirklich zielführend aber ist die sozialpsychologische Perspektive.
Beim Asperger Syndrom ist es die unbewußte Gruppenkommunikation, die der Konstituierung der unbewußten Gruppenstruktur dient, die nicht verstanden wird.
"In any group of individuals that gather together for a stated purpose there will exist a conscious, task-oriented group and an underlying, unconscious group; the function of this underlying group may be in conflict with the requirements of the task. …" (aus "Margret Wetherell – Identities, Groups and Social Issues").
Und in Folge wird auch das irrationale Verhalten aufgrund der unbewußten Gruppenkommunikation nicht verstanden.
Hinzu können Probleme mit der "geteilten Aufmerksamkeit" und der "geteilten Intentionalität" kommen, die jeweils weitere Entwicklungsstörungen nach sich ziehen. (2)
Autismus ist die Unfähigkeit an unbewußten Gruppenprozessen teilzuhaben, sich als Mitglied einer "in-group" zu definieren und von einer "out-group" abzugrenzen.


5. Forschung mit falschen Mitteln

Nein, ich bin kein Feind der Statistik. Und ich sehe durchaus auch den Wert von quantitativer Datenerfassung. Wogegen ich mich jedoch wende ist die Fokussierung alleine auf statistisch signifikant messbare Symptome von Autismus.
Sieht man Autismus alleine durch die statistische Brille und klammert qualitative Untersuchungen aus, dann gehen einem eine Vielzahl von Aspekten verloren.
Die Forschung über Autismus hat zwei zentrale Probleme, die eben gegen ein quantitatives Vorgehen sprechen:
- Die Zahl von Autisten ist, wenn auch steigend, vergleichsweise klein und folglich sind es auch die Stichprobengrößen.
- Die individuelle Variabilität ist sehr hoch.
Sichtbar werden die Probleme im Bereich der Diagnose. Wenn man bei ADOS von einer Fehlerquote von 20% ausgeht sowohl beim nicht Erkennen von vorhandenem Autismus als auch beim Diagnostizieren von Autismus wo keiner vorliegt, dann ist das bitter. Vor allem wenn man zudem berücksichtigt, dass für die Durchführung des Tests eine aufwendige Schulung der Tester notwendig ist.
Bei einer Spracherkennungssoftware, für deren Verwendung Sie erst aufwendig geschult werden müssten, würden Sie sich nicht einmal mit einem Ergebnis von 95% Zuverlässigkeit zufrieden geben – und das zurecht.
Abenteuerlich ist es, dass man sich bei der Diagnose von Menschen, deren Zukunft davon wesentlich abhängt, mit einer deutlich niedrigeren Zuverlässigkeit zufrieden gibt! Oder ist dies ein Ausdruck des Unwissens und der Hilflosigkeit?

6. Forschung auf einer unzureichenden theoretischen Grundlage
Öffnet man den Blick auch auf die qualitative Datenerhebung und die positiven Aspekte von Autismus, dann wird man diese mit der herkömmlichen Evolutionstheorie nicht  erklären können.
Notwendig zur Erklärung der mit Autismus auftretenden Fähigkeiten ist die Annahme, dass die Evolution beim Menschen die Strategie geändert hat. Es werden beim Menschen nicht mehr additiv neue Funktionen hinzugefügt, sondern im Gegenteil im Gehirn sind im Übermaß Funktionen wie Gedächtnis, Sinneswahrnehmung, Kognition … angelegt. Und über Filter wird dann modulierend ein Ergebnis erzielt, das sowohl für das Individuum als auch die Gruppe überlebenssichernd ist.
So wird reguliert welche Gedächtnisinhalte und welche Sinneswahrnehmungen in das Bewußtsein vordringen dürfen und in welcher Stärke, um für das Individuum erträglich zu sein.
Der individuellen Ebene von Gedächtnis, Sensorik, Kognition … übergeordnet und diese dämpfend ist die Regulierung von sozialen Funktionen.

7. Zusammenfassung
Die aktuelle Forschung über Autismus nutzt fast vollständig quantitative Daten und bewegt sich alleine im Bereich der Kognitionspsychologie.
Um jedoch zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen ist eine Verschiebung hin zu mehr qualitativen Untersuchungen und hin zum Bereich der Sozialpsychologie notwendig.
Um das gleichzeitige Auftauchen von Fähigkeiten im Bereich des Gedächtnisses, der Kognition und Sensorik im Zusammenhang mit einer Autismus-"Störung" zu erklären, muss die Evolutionstheorie ergänzt werden.

__________
(1) Die Neurowissenschaften haben andere Schwierigkeiten wie COMICisierung und "Neuromythologie"  (Felix Hasler 2013), die hier aber nicht behandelt werden.

(2) Michael Tomasello: "Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens"'

(3) Diese ist z.B. hier im bayerischen Grenzgebiet zu Österreich zu beobachten. Zum einen dadurch, dass sich die Dialekte selbst zwischen benachbarten bayerischen Dörfern stark unterscheiden können. Zum anderen aber besonders dadurch, dass durch die politische Grenze auch eine scharfe Sprachgrenze definiert wird.
Über den Wunsch nach "confirmity" passt sich das Individuum anscheinend der Gruppensprache an.

(4) z.B. R. I. M. Dunbar: "Gossip in Evolutionary Perspective"

 

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