Neurodiversität und Autopilot

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1.) "Neurodiversität" einfach erklärt
Wie es beim Auto verschiedene Ausstattungsvarianten gibt, so gibt es diese auch beim menschlichen Gehirn.
Einige davon gibt es häufig, andere sind "Limited Editions".
Autismus ist so eine Form einer "Limited Edition" Ausführung.
Aber anders als bei Autos, wo eine unbekannte Ausstattungvariante Interesse weckt, erzeugt beim Menschen der Unterschied, und sei er noch so klein, Angst.
Auf beiden Seiten, beim Autisten wie seinen Gegenübern.
Folgen sind Bullying, Ablehnung und Aggression gegenüber Autisten.
Was bei Autisten wiederum Angst erzeugt und zu einem Zurückziehen aus der Gesellschaft führen kann.

2.) Wie sieht die "Sonderausstattung" bei Autisten aus?
In der Normalausstattung ist ein Autopilot enthalten. Dieser Autopilot funktioniert indem er Kontakt zu den ihn umgebenden Autopiloten aufnimmt.
Durch ganz viel unbewußte Kommunikation durch Mimik, Gestik, Mimikri, Small-Talk und Gossip werden Struktur, Hierarchie und Richtung der Gruppe definiert.
Der typische Mensch sitzt sozusagen in einer Flugzeugkanzel mit Autopilot. Das Kabinenlicht ist gedämmt, das der Anzeigen und Bedienelemente auch.
Beim Autisten fehlt dieser Autopilot. Eine Kontaktaufnahme zu den ihn umgebenden Menschen geschieht nicht automatisch, die Kommunikation über die Gruppenstruktur funktioniert nicht auf anhieb.
Am Anfang ist es, als wenn man in einem Cockpit aufwacht in einem Flugzeug das fliegt. Man kennt die Bedeutung der Anzeigen nicht und nicht die Funktion der Bedienelemente.
Aber irgendwie muss man ja das Flugzeug in der Luft halten und über viel Versuch und Irrtum das Fliegen lernen.
Dabei kommt es aber natürlich zu einigen Bruchlandungen. Und das ganze ist stressig, anstrengend …
Aber wenn man das Fliegen erst einmal gelernt hat, dann ist man macht es richtig Spass so ohne Autopilot.

3.) Was folgt daraus?
Neurologisch typische Menschen (NT´s) definieren sich über Gruppenzugehörigkeit. Es gibt die gute "Eigengruppe" und die nicht so gute "Fremdgruppen".
Deshalb fällt es ihnen schwer zu unterscheiden ohne zu bewerten. Für Menschen ist "anders" häufig verbunden mit einem Werturteil "schlecht".
Autisten neigen dagegen nicht zu Vorurteilen, Abwertungen… sind (erschreckend) ehrlich, loyal …

Aber die Gruppenkommunikation dient zu einem Großteil dem Angstabbau, der Angstvermeidung.
Der Autist jedoch ist mit sich und seinen Ängsten alleine, erlebt dazu noch Ablehnung und Aggression sowie die ein oder andere Bruchlandung.
Deshalb ist gerade für autistische Kinder und Jugendliche ein stabiles, sicheres, stressfreies und vor allem immer wieder ermutigendes Umfeld wichtig.

Weil NT´s in Gruppen und Schubladen denken, werden alle Probleme eines Autisten als durch den Autismus verursacht angesehen.
Aber die meisten Probleme sind einfach Allerweltsprobleme, die andere Kinder und Jugendliche genauso haben.

Und natürlich tauchen auch zwischen Eltern und autistischen Kindern und Jugendlichen die ganz normalen Konflikte auf wie in jeder Familie – unabhängig vom Autismus.
Es ist ein großer Fehler, alle Probleme, Lebensäußerungen und Konflikte mit der "Autismus-Brille" zu betrachten.


Einen Radio-Beitrag zu dem Thema finden Sie HIER!

 

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