Brief an Hendrik

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Hallo Hendrik,

ich habe den Film über Dich gesehen http://www.mdr.de/selbstbestimmt/reportage/hendrik100.html und bin beeindruckt! Nicht so sehr von dem Film – sondern von Dir!

Und da ich nicht so gern über Autisten schreibe, sondern lieber mit ihnen kommuniziere (Mit Autisten reden – nicht über sie!), schreibe ich diesen Brief in der Hoffnung, dass er irgendwie durch die Tiefen des Internets zu dir gerät.

Beeindruckt bin ich von deinem Mut und deiner Energie! Du bist ein echter Kämpfer, obwohl es sicher nicht immer leicht ist – wohl eher im Gegenteil.

Deine Klasse ist z.B. als Umfeld schon sehr stressig – aber du packst das ohne Klage!

Du machst viel Sport – und auch das ist gut!

Autisten haben häufig Probleme mit Angst und Stress, weil ihnen nicht „Empathie“ sondern der „Autopilot“ fehlt. Dazu habe ich mal ein Interview gegeben, dass du dir hier anhören kannst: https://youtu.be/aaKfpR3lsj4

Mit Angst scheinst du nicht so viele Probleme zu haben, denn du bist ja sehr selbständig unterwegs. Aber der Stress, den kann man dir ansehen. Vor allem auch an deinen Bewegungen und deinem Haare ausreißen.

Also mein Tipp: Versuche deinen Stress abzubauen. Wie? Durch Entspannungstechniken (z.B. Achtsamkeitsbasierte Meditation), durch das Aufsuchen von angenehmen Umgebungen (wie im Museum – man konnte sehen, wie entspannt du da warst) …

Das Problem mit den Emotionen und ihrer Regulierung hängt von mehreren Dingen ab. Zum einen auch vom Stress, aber auch vom Selbstwertgefühl. Leider bekommen Autisten häufig keine, eine falsche oder verspätete Rückmeldung. Oder sie werden ausgegrenzt und marginalisiert. Doch eine Rückmeldung wäre wichtig für das Selbstwertgefühl.

Aber das Selbstwertgefühl wird auch gestärkt durch synchronisierte Tätigkeiten mit anderen Menschen wie z.B. Chorsingen, gemeinsames Trommeln …

Da du bei der Modulation der Sprache auch nicht so gut bist (liegt daran, dass Autisten nicht die Sprachmelodie des Gegenübers imitieren) wäre vielleicht das Singen in einem Chor gut – es würde nicht nur dein Selbstwertgefühl steigern sondern dir gleich noch bei der Modulation der Sprache helfen.

Und zum Schluss noch ein paar Worte zum Verstehen der Mitmenschen. Auch das kann und muss man lernen. Notwendig für das Verständnis ist ein „common ground“, ein gemeinsames Fundament. Tomasello schildert das schöne Beispiel wie ein Zöllner am Flughafen einem kleinen Mädchen mit dem Drehen seiner Hand zeigen möchte, dass es sich umdrehen soll – doch sie dreht nicht sich sondern auch ihre Hand. Es fehlte der „common ground“.

Erwerben kannst du das Verständnis für deine Mitmenschen also durch den Umgang mit Menschen. Je mehr Umgang – umso besser und schneller wirst du lernen. Hilfreich sind hier z.B. Gruppen die eine klare Struktur und eine klare Aufgabe haben wie Hilfsorganisationen oder die freiwillige Feuerwehr …

Ich wünsche dir beim „Fliegen lernen“ viel Glück und Mut – Du bist auf einem guten Weg!

 

Bernhard Schmidt

Bad Reichenhall / Deutschland

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