ABA und “Aktion Mensch”

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Dieser Beitrag bezieht sich auf folgende Internetseite https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/engagierte-diskussion-ueber-aba-therapie.html

Die Schilderung der Diskussion erinnert mich doch stark an den "Kaukasischen Kreidekreis" von Berthold Brecht. Aber anders als im Original stand nicht ein Kind im Kreidekreis, sondern Autisten und ihre Eltern. Und an diesen gezerrt um das Sorgerecht haben nicht zwei Frauen, wie bei Brecht, sondern zwei Lager, die ABA-Vertreter auf der einen und selbsternannten Autisten-Vertreter auf der anderen Seite.
Doch anders als beim Gericht des Dorfschreiber Azdak, lässt hier keine der beiden Seiten los, fragt keiner nach dem Wohl des "Kindes".
Und "Aktion Mensch" merkt dies nicht einmal.
So bleiben die wesentlichen Fragen nicht nur unbeantwortet, sondern überhaupt ungefragt.
Die Fragen, die da lauten:

 1.) Wieviele der (vorsichtig) geschätzten 80.000 Autisten (1/1000) in Deutschland verzweifeln gerade an ihrem Leben, weil die Umwelt sie nicht versteht, sie ausgegrenzt und marginalisiert werden?
2.) Wieviele stecken gerade in einer tiefen Depression?
3.) Wieviele stehen kurz vor einem Suizid?
4.) Wieviele sind bei Psychotherapeuten in Behandlung, die von Autismus keine Ahnung haben?
5.) Wieviele autistische Kinder erhalten nicht die Förderung und Hilfen, die möglich wären?
6.) Wieviele Eltern autistischer Kinder sind gerade der Verzweiflung nahe, weil sie ihren Kindern helfen wollen, aber anscheinend niemand Antworten hat auf die drängenden Fragen?

Und daraus resultieren die Fragen an alle Autismus-Vereine und -Vertreter:

1.) Werden wir unserer Verantwortung gegenüber den o.g. Menschen gerecht?
2.) Hilft das Verbreiten von falschen bzw. unwichtigen Informationen den verzweifelten Menschen oder ist es eher schädlich?
3.) Wie schuldig machen wir uns am Leid der Menschen durch das Unterdrücken von hilfreichen Informationen?
4.) Suchen wir genug nach besseren Antworten, Hilfsangeboten, …?
5.) Sind wir mutig und verwegen genug?

Und nein, ABA ist keine Antwort! Sondern eine pseudowissenschaftliche Ideologie.
Eine Ideologie erkennt man vor allem an einem exklusiven Heilsversprechen.
Also "ABA heilt" als Versprechen, und exklusiv weil a) angeblich "nur ABA heilt"  sowie die Betrachtung und Erfassung b) der "Nebenwirkungen" und c) von Alternativen ausgeschlossen wird.
Keine Ideologie kann wissenschaftlich sein aufgrund des starren Dogmas und fehlender Selbst-/Kritik. Aber die ABA-Zunft ist zusätzlich pseudowissenschaftlich, weil sie sich – trotz des Verstosses gegen fast alle Regeln der wissenschaftlichen Methodik – gerade als die einzige vermeintlich "evidenzbasierte" Therapieform präsentiert. Dies wird dann hauptsächlich durch rhetorische Spiegelfechterei und Selbstimmunisierung aber nicht durch Fakten vertreten.

Quellen u.a.:
Lynn Waterhouse – "Rethinking autism"
T Hirvikoski, U Jonsson, L Halldner, A Lundequist… – "A Systematic Review of Social Communication and Interaction Interventions for Patients with Autism Spectrum Disorder"
S. Bölte – "The good, the bad and systematic reviews" autism 2015
S. Bölte – "The power of words: Is qualitative research as important as quantitative research in the study of autism?" autism 2014
Schmidt, Bernhard J. – "Autist und Gesellschaft – Ein zorniger Perspektivenwechsel. Band 1: Autismus verstehen"

 

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