Aspie-Erinnerungen


Sempre avanti
Erinnerungen eines Aspies

Geboren wurde ich 1962 in Dortmund, wo ich auch meine Kindheit und Jugend verbracht habe.

Mein Vater, auch Aspie, war Rechtsanwalt und Notar, unbestechlich, nicht käuflich und immer unabhängig von der “Meinung” anderer.

Zu einer Zeit, als es die “Grünen” noch nicht gab und Mercedes fahren als Statussymbol galt, fuhr er schon mit dem Fahrrad oder ging zu Fuß.

Selbst nach langen Urlauben, beim Zwischenhalt und Warten auf den Nachtzug in München, gingen wir (und alle sahen wir aus wie die Räuber) trotzdem in die vornehmsten und besten Restaurants. Die Urlaube verbrachten wir über viele Jahre und Jahrzehnte immer in der gleichen Pension in Bad Reichenhall. Schon damals merkte ich, dass immer wenn wir in die Berge fuhren es mir spürbar körperlich besser ging.

Olfaktorischer Horror

Einen Platz im Kindergarten gab es nicht für mich, so blieb mir dieser erspart. Für meine zwei älteren Brüder und mich hatten meine Eltern ein Kindermädchen eingestellt, das sich um uns gekümmert hat.

Die Grundschule ging im wesentlich unspektakulär an mir vorüber … bis auf den Sportunterricht.

Als Aspie ist Sport schon von Haus aus nicht gerade ein Fest, aber viel schlimmer war ein Mädchen mit Nachnamen Späth, die somit in der Riege immer entweder hinter oder vor mir saß. Sie trug immer, egal ob Winter oder Sommer, wollene Strumpfhosen … und roch immer ungewaschen, süßlich wie nach Verwesung. Den Geruch habe ich heute noch in der Nase, und erinnere zu gut das Gefühl des Ekels und den Horror vor dem Sportunterricht.

Um mich zu fördern hatten mich meine Eltern zudem noch in einem Sportverein angemeldet, dessen Bau heute nicht mehr steht und schon damals abgerissen gehört hätte. Die Umkleidekabine war “Späth zum Quadrat”, die Sporthalle nicht besser.

Nein, Sport war da wirklich nicht mein Ding, aber das sollte sich zumindest später zeitweise ändern.

Soziale Kompetenz oder “Task-Positiv-Network”

Das Gymnasium ging – von mir weitgehend unbeachtet – vorbei. Ohne es zu wollen habe ich aber wohl zeitweise meine Geschwister und auch Eltern an den Rand des Wahnsinns getrieben, weil meine Lieblingsbeschäftigung “auf dem Bett liegen, Decke anstarren und nichtstun” war.

Meine Eltern schenkten mir dann irgend wann einmal das Buch “Die Abenteuer des starken Wanja” von Ottfried Preußler. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es mehr darum ging mir oder ihnen selber Mut zu machen.

Wenn ich nicht auf dem Bett lag und die Decke angestarrt habe, war ich viel in der katholischen Jugendarbeit aktiv. Erst Gruppenleiter, dann Pfarrjugendleiter, mit 17 dann das erste von drei Zeltlägern geleitet. Zeltlager hieß, mit ca. 50 Kindern und Jugendlichen 14 Tage zelten zu fahren. Eine soziale genauso wie logistische und organisatorische Herausforderung.

Aber es gab in den drei Zeltlägern keine einzige kritische Situation!

Die Behörden, Ämter und Antragstellen kannten mich alle zu der Zeit, denn jeden Zuschuss habe ich beantragt, jedes Formular kannte ich auswendig, egal ob 50 Pfennig pro Person und Tag für “kirchliche Elemente in der Jugendarbeit” oder Zuschüsse für die Anschaffung neuer Zelte …

Aufgaben und Herausforderungen, dass waren schon damals die Schlüssel zu meinem Wohlbefinden. Und damit war auch immer verbunden die Fähigkeit zum Umgang mit Menschen, ja vielen Menschen. Belanglosigkeit oder Small-talk ertrage ich nicht. Aber aktiv eine Gruppe führen, gemeinsam Aufgaben lösen – das ist ein Fest.

Verlust der behüteten Kindheit und Jugend

Es kam für mich nichts anderes in Frage, als den Kriegsdienst zu verweigern. Damals gab es noch die Gewissensprüfung, die ich natürlich nicht bestanden habe. Dann den Gewissensausschuß, auch da durchgefallen. Und so kam es zur Klage vor dem Verwaltungsgericht “Bernhard Schmidt gegen die Bundesrepublik Deutschland” … “Es ergeht folgendes Urteil: Der Klage wird stattgegeben”. Liest sich jetzt vielleicht eher witzig. aber für mich war es ein sehr gravierender Einschnitt. Mir war bewußt, dass meine gesamte weitere Zukunft von dem Urteil abhängen wird. Das Gefühl der Ohnmacht, des ausgeliefert sein, riss mich vehement aus meiner behüteten Kindheit und Jugend.

Sempre Avanti – oder der Aspie Imperativ

Sempre avanti – das war immer die Aufforderung meines Vaters an mich … immer vorwärts! Und so kam auch von ihm der Vorschlag, meinen Zivildienst doch in Bad Reichenhall abzuleisten. Eine gute Chance mal von daheim weg zu kommen.

Mit Arbeit und Dach über dem Kopf, eine begrenzte Zeit … und Bad Reichenhall, das ich ja schon durch unsere vielen Urlaube kannte.

Also auf nach Reichenhall, zum Roten Kreuz … und ab in den Behindertenfahrdienst.

Es wurde mit die lehrreichste und schönste Zeit meines Lebens.

Der Umgang mit Menschen mit Behinderung hat mich sehr verändert. Wer klagt schon über einen Schnupfen gegenüber jemand, der von Geburt an im Rolli sitzt aber bester Laune ist.

Die Werte haben sich schon da bei mir sehr deutlich verschoben.

Doch Fahrdienst hieß ja am Tag ca. 200km Auto fahren. So blieb es nicht aus, dass ich immer wieder an, teils schweren, Autounfällen vorbei kam, von Erster Hilfe jedoch keine Ahnung hatte.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Kreisgeschäftsführer schickte dieser mich dann zur 6-wöchigen Rettungsdienstausbildung.

Kaum von der Ausbildung wieder in Reichenhall kam ich in Salzburg zu einem Unfall dazu, bei dem ein Junge angefahren worden war. Die Wiederbelebung des Jungen auf offener Straße hat mir deutlich gezeigt, dass die Theorie aus der Rettungsdienst-Ausbildung zu wenig ist.

Also machte ich dann häufig freiwillig 24 Stunden Dienst – tagsüber Behindertenfahrdienst, nachts ehrenamtlich Rettungsdienst. Der Rettungsdienst führte zu einer harten Begegnung mit dem Thema Tod und zugleich zu einer Querschnittsstudie durch die Bevölkerung. Man kommt in viele Wohnungen, in die von Armen genauso wie von Reichen. Man gerät in die absurdesten Situationen und erfährt von Suiziden, die nie in der Zeitung stehen.

Es sind schon komische Tiere, die Menschen

Dies wurde mir im Festspielhaus in Salzburg deutlich vor Augen geführt. Eine Kundin des Behindertenfahrdienstes mit starker Sehbehinderung wurde von mir häufiger dorthin zu Opern und Konzerten gefahren und auch begleitet. Eine Ansammlung von vielen Menschen ist nun nichts, was sich ein Aspie wünscht. Aber diese Erlebnisse übertrafen alles.

Meine Vorstellung, es würde sich ja um Kultur und somit um kultivierte Menschen handeln und könne deshalb nicht so schlimm werden, wurde schnell widerlegt. Ein Drängeln, Schubsen … schlimmer als auf dem Rummelplatz. Eine Frau mit Sehbehinderung da unbeschadet durch zu bringen war jedesmal eine Herkulesaufgabe. Und das, obwohl ja alle einen fest reservierten Platz hatten. Ähnliche Erfahrungen irrationalen und asozialen Verhaltens von NT´s habe ich allerdings dann immer wieder machen “dürfen”.

“no-group” statt “no sports”

Nach dem Zivildienst war die Frage: was tun? Eine Ausbildung kam nicht in Frage, leider.

Also studieren, aber was? Mein Wunsch wären eigentlich Medizin (Abitur zu schlecht) oder Philosophie (brotlose Kunst) gewesen. Also wurde es “physikalische Technik” an der FH Lübeck.

Das Studium hat mich nicht wirklich interessiert, und so wurde ich schneller Sport-Referent im ASTA als ich schauen konnte. War noch der vorige ASTA von der klassischen “wir sind hier wichtig und ihr habt nix zu melden”-Sorte war das neue Team wesentlich aufgeschlossener. So konnte ich meine “no-group”-Offenheit ausleben. In wenigen Wochen hatten wir nicht nur ein riesiges Angebot an Sportangeboten, sondern sogar auch ein philosophisches Seminar … an einer rein technischen Fachhochschule.

Dafür getan habe ich eigentlich nicht viel. Wenn jemand kam und ein Sportangebot wünschte, war die Kommunikation eigentlich a) immer freundlich und offen und b) eigentlich immer die gleiche:

Hast du einen Übungs-/Kurs-leiter? – Ja.
Hast du eine Halle? – Nein.
Ok, bei diesem städtischen Mitarbeiter bekommst du eine Halle, wenn es nicht klappt, komm wieder und ich helfe dir! – OK!

Kurz drauf wurde ich dann zum ASTA-Vorsitzenden gewählt – Powerplay vom feinsten.

Ich hatte ein super Team an meiner Seite und wir haben Dinge geschafft, die als “unmöglich” galten. Gegen die schon damals geplanten Kürzungen im Bildungsbereich schafften wir einen Zusammenschluss von Verwaltung, Professoren und Studierenden. Alle zogen an einem Strang und es wurde gegen die Mittelkürzungen gestreikt. Aber nicht einfach so daheim bleiben und nichts tun, sondern mit “alternativen Streikwochen”. Wir haben die Professoren gefragt, was sie schon immer einmal unterrichten wollten aber im Lehrplan nie vorkommt. Es waren die besten Vorlesungen die ich in meinem Leben erleben durfte!

Sinnkrise, der kürzeste Ausstieg aller Zeiten und der Mut umzukehren

Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich nicht den Rest meines Lebens ASTA-Vorsitzender bleiben kann und das Studium eigentlich schon geschmissen hatte. Zudem wirkten die Erlebnisse aus dem Zivildienst noch heftig nach, stellte ich mir intensiv die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Warum nicht einmal das “alternative” Leben ausprobieren?

Ich hatte eine Adresse von einem Verein in Österreich, der aufgelassene Bergbauernhöfe alternativ bewirtschaftete.

Also habe ich meine Wohnung gekündigt, alle Sachen, Hab und Gut verkauft oder verschenkt und habe mich aufgemacht in die österreichischen Berge.

Was mich aber dort erwartete, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Borniertheit, Ignoranz .. eigentlich wollte ich schon am ersten Tag wieder dort weg. Alles war mega-wichtig, konnten nur sie, die Auserwählten.

Mit einer Schafherde zog ein Teil der Gruppe im Sommer durch Österreich und verkaufte selbst gemachte Tees. O-Ton einer Bewohnerin “Aber selber trinken wir den nicht – wir wissen ja nicht was da drin ist.”

Sie hatten auch ein paar Kühe und ich wurde gefragt, ob ich mit in den Stall komme. Dort ließ man mich dann wie falsch Geld stehen. Als ich dann weg ging war es aber auch nicht recht.

Das schlimmste war aber für mich, der ich ja als Aspie weder Gefühle von Gesichtern lesen kann noch Empathie habe, der Blick in die Augen von ein paar Bewohnern, in denen viel zu deutlich zu lesen war, dass sie dort nicht glücklich waren, aber wohl nicht den Mut hatten, weg zu gehen.

Bei mir war das anders. Am zweiten Tag, als nichts besser sondern eigentlich alles schlimmer wurde, bin ich gefahren. Durchaus in dem Wissen, was ich mir werde anhören dürfen (“das haben wir doch gleich gewußt …”) und wie sich der ein oder andere wohl lustig machen wird über mich.

Es fällt schwer seinen Weg zu gehen, ohne manchmal weg zu gehen

Weg gehen ist ja gut … doch wohin?

Keine Wohnung, kein Ziel, kein Plan …absoluter Nullpunkt, mit 25 Jahren, ohne Ausbildung, ohne Perspektive … als Aspie (was ich damals noch nicht wußte)

Erst einmal bin ich meinem langjährigen Freund Arne, der damals in einer winzigen Dachgeschosswohnung lebte, drei Wochen auf die Nerven gefallen.

Freedom is just another word for nothing left to lose (Janis Joplin)

Was also tun mit der maximalen Freiheit? Das, was ich schon immer machen wollte: Philosophie studieren. Also zurück nach Dortmund, eine Wohnung sowie gebrauchte Möbel aus Freundes- und Bekanntenkreis fanden sich schneller als es gedauert hatte, die alten Möbel los zu werden. Ruhr-Universität-Bochum, Philosophie als Hauptfach und Psychologie und Neurophysiologie als Nebenfächer, so hatte ich mir das gedacht und so stand es auch im Studienführer als Möglichkeit. Aber vieles ist erlaubt oder nicht verboten, nur weil es keiner in Anspruch nimmt. Und so auch hier. 6 Monate hat die Auseinandersetzung mit dem Studentensekretariat gedauert, bis dieses nachgegeben hat und mich meine Wunschkombination hat studieren lassen.

Psycho-lüge und Ambivalenz

Selten habe ich wieder eine Gruppe getroffen die so intolerant war wie die Psychologie-Studenten. Ich wurde häufig behandelt wie Luft oder mit offener Ablehnung …

Ich war denen wohl nicht geheuer.

Eine Kommilitonin wohnte auch in Dortmund und wir fuhren einige Male zusammen zur Uni. Unterwegs konnte ich mich mit ihr super unterhalten, war sie doch Kinderkrankenschwester, ich ehemaliger Rettungsdienstler … ähnliche Einstellungen, Werte …

Doch sobald wir im Seminar waren, war ich Luft. Als ob wir uns noch nie zuvor gesehen hätten.

Und aus solchen Menschen werden dann die Psychologen und Therapeuten ..

Der Rattenkönig …

Um mein Studium zu finanzieren hatte ich eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft in einer Arbeitseinheit der Biopsychologie. Dort betreute ich die EDV und führte Lern- und Labyrinthexperimente mit Ratten durch. Eine Ratte hatte eine Entzündung auf dem Kopf und musste mit Wundsalbe versorgt werden. Meine Kollegin versuchte also, der Ratte die Wundsalbe mit einem Wattestäbchen auf den Kopf zu streichen. Doch keine Chance. die Ratte wand sich so, dass die Salbe überall landete, nur nicht auf der Wunde.

Versuch macht ja klug, also habe ich auch mein Glück versucht. Und … in dem Moment als ich die Ratte gepackt habe (man fasst sie dazu an der Schwanzwurzel) wurde die Ratte still, streckte alle Viere von sich und ließ sich in aller Ruhe die Salbe auf den Kopf streichen.

Von da an galt ich zwar als der Rattenkönig bei uns, was mir den Umgang mit den Kolleginnen aber nicht leichter gemacht hat. Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.

… Hundeflüsterer

Schon im Zivildienst wurden mir meine besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Tieren klar. Da gibt es diese Kommunikations-Probleme wie mit Menschen einfach nicht. Im Gegenteil, Tiere scheinen die klaren Signale eines Aspies gut zu verstehen und auch zu mögen.

Während der Hauptamtliche für “Essen auf Rädern” in Urlaub war, hatte ich nicht nur die Vertretung sondern auch eine Neuaufnahme. Weit draußen auf dem Land, ein allein stehendes Bauernhaus mit einem riesigen, eingezäunten Garten drum herum. Und einem großen Schild “Warnung vor dem Hund”. Aber es war keine Klingel vorhanden und Handys gab es damals ja noch nicht … also was tun?

Den lauernden Hund hatte ich schon gesehen, aber was soll´s, mehr als beißen kann er mich ja nicht ;-)

Also rein in den Garten und zur Haustüre. Der Hund blieb lauernd auf Distanz, aber dafür hatte ich eine ungläubig und überrascht schauende Hausherrin vor mir. “Bisher hat es noch niemand geschafft vom Hund unbehelligt in den Garten zu gehen! Wie haben sie das gemacht????”

Das gleiche hat mich dann noch mal der Hauptamtliche gefragt, als er aus dem Urlaub zurück war.

… und Auto-Schrauber

Das zweite finanzielle Standbein während des Studiums war das Reparieren von Autos. Und ja, ich war richtig gut. Genoß die Anerkennung von Schrauberkollegen und war bei den Ersatzteilhändlern bestens bekannt. Ich habe Gebrauchtwagen ohne TÜV billig gekauft, hergerichtet und an Freunde und Bekannte verkauft. Das Schutzgasschweißgerät  und die Flex waren meine besten Freund ;-)

Angefangen damit hatte ich mit 18, hatte gleich mein erstes eigenes Auto. Also erst das eigene Auto schrauben, dann für Freunde Inspektion machen … Dann einen 1963er Faltdachkäfer, Karman Ghia, Mercedes /8, Hanomag Markant, Tempo Matador, Opel Rekord C, VW 1600 und 412LE, Mercedes LA710 … insgesamt waren es über 30 eigene Autos und viele von Freunden.

Studium – Ende ohne Abschluss

Das Studium neigte sich dem Ende entgegen, alle Scheine in der Tasche, viele gute bis sehr gute Noten. Z.B. Neurophysiologie 45 Minuten mündliche Prüfung: sehr gut.

Es fehlte “nur noch” die Magisterarbeit.

Doch auf einmal war kein Licht mehr, das leuchtete. Die Arbeitseinheit, bei der ich meinen Job hatte, wurde geschlossen. Einen Betreuer meiner Magisterarbeit konnte ich nicht finden.

Gut, mit dem Thema “Ethische Probleme bei Hirntransplantationen” war ich damals meiner Zeit um Jahre voraus. Die einen Professoren reagierten auf meine Anfrage eher ungehalten, die anderen gaben offen zu, dass sie keine Ahnung von dem Themenbereich hätten.

Der Medizin-Professor hatte schon in Erwägung gezogen, mir eine Doktorandenstelle zu geben, sich dann aber doch nicht getraut. Einem Philosophen – wo doch so viele Medizinstudenten auf so eine Stelle hofften! Was also tun?

Therapie

Nein, nicht für mich. Sondern für Kinder und Jugendliche mit Esssucht (Adipositas).

Ich war mal wieder in Reichenhall, Freunde besuchen (ja, die hat man auch als Aspie). Diese arbeiteten in einem Reha-Zentrum für esssüchtige Kinder und suchten einen Erzieher.

Nach 10 Tagen Urlaub kam ich überraschend mit einem unterschriebenen Arbeits- und Mietvertrag nach Hause. So schnell kann es gehen.

Es folgten die heftigsten 6 Monate meines Lebens. Aufnahmegespräche, Elterngespräche, Einzeltherapie, Gruppentherapie, Konflikte innerhalb des Teams, mit der Leitung, Abgründe menschlichen Daseins.

Rattenfänger

Die Kinder und Jugendlichen waren Anfangs etwas verstört, entsprach ich doch so überhaupt nicht dem Bild des soften, langhaarigen Gutmenschen. Aber ich hatte gelernt, dass es manchmal dauert, bis das Eis im Umgang mit mir bricht. Danach aber hatte ich zu den Kindern und Jugendlichen das beste Verhältnis, die meiste Autorität im Haus. Aber die stand mir ja überhaupt nicht zu! Und ich Depp habe das nicht berücksichtigt.

Die Kinder hatten der Küchenchefin den gesamten Schlüsselbund stibizt und Holland war in Not. Was tun? Alle Schlösser tauschen? Alle bestrafen?

Hausversammlung! Und Schmidt hängt sich aus dem Fenster, erklärt den Kindern die Alternativen: Schlüssel kommt anonym zurück oder Schlösser tauschen. Der Schlüsselbund kam noch an dem gleichen Abend zurück, Problem gelöst.

Aber wie beim Rattenfänger von Hameln sind die Menschen gar nicht mehr so glücklich und nett, wenn das Problem gelöst wurde. Sie sind eher beleidigt, dass sie es selber nicht geschafft haben.

Nullpunkt Nummer Drei

Nach der existentiellen Erschütterung bei der Kriegsdienstverweigerung und dem gescheiterten alternativen Leben auf dem Bauernhof stand ich mal wieder vor dem Nichts. Aufgrund wachsender Konflikte im Team, deren Lösung außer mir keiner angehen wollte, und meinem Unwillen, den Kindern zu sagen, sie sollen ihre Probleme lösen und sich von den krank und dick machenden Strukturen lösen, ohne es aber selber als Team zu tun, habe ich dann gekündigt.

Ich hatte meine Wohnung erst ein halbes Jahr, keine Arbeit mehr, keine Ausbildung …mit 32 Jahren mal wieder mit nichts vor dem Nichts. Freedom is just another word …

Und es geht noch tiefer

Anlässlich meiner Kündigung gab es noch eine Supervision. Und alle anderen 10 Mitarbeiter und auch die Supervisorin (vollkommen aus ihrer Rolle fallend und ihre Verantwortung verletzend) brachen in Tränen aus und beschimpften mich als das Fleisch gewordene Böse.

Zum Glück war ich ja Ablehnung durch andere und Gruppen schon mehr als gewöhnt. Sonst hätte ich mir wohl einen Strick genommen und mir einen hübschen Baum gesucht.

Der “turn around”

Zu dem Zeitpunkt hätte wohl keiner mehr einen Pfifferling auf meine Zukunft gegeben. Die meisten sahen mich schon unter einer Brücke enden …

Doch nach sechs Wochen Arbeitslosigkeit, an einem Samstag nachmittag, kam mir, wohl aus Langeweile, in den Sinn, einfach ein paar Kopierer-Händler anzufaxen mit der Idee, einen Copy-Shop zu eröffnen. Es war halt so eine Idee, ein Zeitvertreib und mit nichts habe ich gerechnet. Doch es ging dann alles sehr schnell, aus der Nummer kam ich nicht mehr raus und am 15. Juli 1994 habe ich dann mein Geschäft “Copy & Computer Schmidt” eröffnet und damit meine Nische gefunden, in der ich bis heute als “integrierter Außenseiter” glücklich und zufrieden mein Dasein friste. Der schönste Kommentar eines Kunden war: “Der Schmidt is zwar scho a Preiss … aber a recht netter.” ;-)

Nein, noch lange nicht Schluss …

Es gibt ja den Aspie-Imperativ “Krieg den Hintern hoch und schau was es in der Welt zu entdecken gibt!”

Meinungsfreiheit und Demokratie

Es gab nur eine Zeitung in Bad Reichenhall und keine Meinungsfreiheit. Die Berichterstattung damals waren einseitig, unkritisch, zensiert. Kritische Leserbriefe wurden nicht abgedruckt …

Viele hatten sich über Alternativen den Kopf zerbrochen, doch alle kamen zu dem Schluss “das geht nicht”.

Doch auf dem Weg zu einem FDP-Parteitag (ja, ich war damals Kreisvorsitzender) platzte mir der Kragen. Wieder ein ganz schlechter, einseitiger Artikel in der Zeitung.

Am gleichen Tag begannen ein Mitstreiter und ich, die erste Ausgabe der “POLIS” zu schreiben, am nächsten Tag haben wir sie fertig geschrieben und gedruckt. Es war ein DIN A4 Blatt, gefaltet auf DIN A5, lächerlich … haben sich wohl auch die Reichenhaller gedacht, die überhaupt davon Kenntnis genommen haben.

Unterm Strich sind es dann über 60 Ausgaben geworden mit teilweise Auflagen von 7.000 Exemplaren

Kommunikation?

Nein, können Aspies nicht *lol

Ein Praktikant fragte an, ob ich ihn nehme. Er musste für sein Informatikstudium 6 Monate Praktikum nachweisen. Klar, machen wir.

Aber wie den Prakti beschäftigen? Wie ihn fordern?

“Lass uns doch einen Chat machen”

Aus dieser Idee entstand in tausenden Programmierstunden (nicht von mir, sondern vom erst Prakti, dann Kollege und heute Doktor der Informatik) der Ruperti-Chat. Ein regionaler Chat mit teilweise bis zu 8.000 Seitenzugriffen – am Tag!

Schnell haben wir die Betreuung, Verwaltung und Gestaltung des Chats in die Hände der Jugendlichen gelegt. Diese haben unter sich entsprechende Admin-Rechte vergeben, sich organisiert, den Chat und die Chatter betreut … haben sich abgemeldet, wenn sie keine Zeit oder Lust mehr hatten. Zu 98% hat das mehr als gut funktioniert und wir mussten uns nur technisch um den Chat kümmern. Wenn alle schlecht über die Jugend reden – ich glaube seither an diese. Sie sind nachgewiesener Maßen in der Lage Verantwortung zu übernehmen und sich zu organisieren.

Dann kam Facebook und hat uns leider in kürzester Zeit das Licht ausgeblasen.

Eingeständnis

Es war bei einem Gespräch mit zwei Bekannten in einem Cafe. Ich war 42 Jahre und sagte “Ich bin Autist”.

Irgendwie weiß man es ja immer, dass man anders ist. Das die Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollten. Dass man immer wieder Schwierigkeiten hat beim gegenseitigen Verstehen. Es ist ja nicht so, dass nur die Aspies die “Welt” nicht verstehen, sondern die “Welt” versteht auch die Aspies nicht.

Per Email kam dann von Gudrun der Hinweis, sie habe das mal recherchiert mit dem Autismus und sie hätte was gefunden, was ziemlich gut auf mich passen würde: das Asperger-Syndrom.

Das war eine Welle der Erkenntnis für mich. Warum die Dinge so waren wie sie waren.

Großes Fest

Was treibt einen, wer flüstert einem ein?

Im Herbst 2005 planten Freunde und ich ein “Fest der Vereine” in Reichenhall zu organisieren. Nicht so kommerziell wie das Stadtfest, wo alle nur Würstchen und Bier verkaufen wollen. Nein, ein richtiges Familienfest, auf dem sich die Vereine mit ihren Angeboten präsentieren.

Keiner von uns ahnte, dass am 2. Januar 2006 die Eishalle einstürzen und 15 Tote fordern würde.

Und wieder einmal hörte ich “das geht nicht, da kommt dir keiner, du hast dir mit der POLIS zu viele Feinde gemacht …bist a Preiß “

Wir haben trotzdem einfach alle Vereine eingeladen zu einem Vorbereitungstreffen. Und ich werde den Abend nie vergessen. Wir saßen in dem großen Saal und wußten nicht, wieviele Vereine kommen werden, ob überhaupt einer kommt, ob das ganze gelingen wird.

Als die Sitzung dann begann war der Saal voll. Beim “Fest der Vereine” präsentierten sich im Sommer 2006 dann 43 Vereine und feierten gemeinsam den Tag. Haben gemeinsam die Verköstigung der Besucher organisiert und den Gewinn geteilt. Alles organisiert und durchgeführt von einem Aspie, der ja so große Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation hat … so kann es gehen.

Aber Erfolg weckt Neider, weckt Ängste, jemand könnte zu mächtig werden. So blieb es leider das bisher einzige “Fest der Vereine” in Reichenhall.

Nebenerwerbs-Wirt oder gastronomisches Harakiri?

Warum nicht mal eine Wirtschaft pachten? Immer nur in der POLIS schimpfen, dass keiner was macht, geht doch nicht … habe ich mir gedacht.

Also habe ich im November 2007 den Berggasthof Schroffen gepachtet.

Die Reichenhaller Gastronomen haben sich sicher halb tot gelacht und mir keine 3 Monate eingeräumt. Ein Quereinsteiger, ohne Ahnung von der Gastronomie. Und dazu ein Objekt, an dem sich vorher schon einige gestandene Wirte blutige Nasen geholt hatten.

Dann fängt der Spinner auch noch im Winter an, arbeitet mit regionalen Erzeugern zusammen und kocht saisonal.

Heute ist das normal … damals war das mal wieder schon fast der Zeit zu weit voraus.

Systemizing – empathizing theory – WIDERLEGT

Ja so nennt Simon Baron-Cohen seine “Theorie”, die behauptet, man könne nur das eine oder andere gut. Oder beides nur mittelmäßig. Aspies sind die “systemizer” mit dem “lack of empathy”

Falsch, Prof. Dr. Baron-Cohen!

Um eine Problem-Gastronomie erfolgreich zu führen, da braucht man beides.

Organisation von Personal- und Wareneinsatz, Kontrolle von Engergieverbrauch, Werbung und Logistik auf höchstem Niveau.

Aber eben auch das sichere Gespür für den Gast, seine Wünsche und Bedürfnisse.

Die Fähigkeit, auf den Gast einzugehen.

Wir haben uns auf Veranstaltungen (Geburtstage, Hochzeiten …) mit 60 – 120 Gästen spezialisiert, erfolgreich! Weil mir immer sehr bewußt war, was meine Gäste wollen und welche Verantwortung ich trage.

Leider hat man mir dann den Pachtvertrag nicht verlängert und nach zwei Jahren war “Schluss mit lustig”. Der Schroffen stand dann viele Jahre leer. Irrationale Entscheidung in Reinform!

Das geht ja gar nicht!

Viele haben mich wohl einfach für einen Spinner oder Schwätzer gehalten, wenn ich in 2013 die Bedingungen erzählt habe.

1.000 Übernachtungen im Monat in einer kleinen Pension in Inzell. Vermittelt von einem großen Reisebüro. 14,50 EUR netto am Tag pro Person für ALLES: Personal, Energie, Beiträge, Steuern, Wäsche, Fremdenverkehrsbeitrag …

Und natürlich Frühstück, Kaffee und Kuchen, abends 3 Gänge Menü und von 18 – 21 Uhr Wein und Bier inklusive.

Naja, eventuell mit Billigstprodukten, niedrigster Qualität, Minijobbern.

Nein, sondern mit Fleisch und Wurst von einer regionalen Metzgerei, Obst und Gemüse vom regionalen Gemüsehändler, Wein vom Weingut sowie Bier von einer regionalen Brauerei. Und mit einem Altersdurchschnitt beim Personal von 57 Jahren, alle sozialversicherungspflichtig angestellt.

Doch, gerade als Aspie und “systemizer” schafft man das!

Es war eine anstrengende aber spannende Erfahrung.

In 6 Monaten 6.000 Übernachtungen, 850 Gäste. Aus ganz Deutschland. Paare, Familien, Rentner … viele interessante Gespräche, viele Einblicke.

Aber wenn ich mich irgendwo in der Gastronomie bewerben würde – keiner würde mich nehmen.

Nur gut, dass ich mein eigenes Geschäft habe und mich nicht bewerben muss.

Zusammenfassung

Dass ich heute da stehe wo ich bin, zufrieden, ausgeglichen und körperlich wie psychisch gesund, hat mehrere Ursachen.

Zum einen meine Eltern, die mich immer unterstützt haben bei dem was ich wollte (auch wenn sie anderer Meinung waren) und mich nicht gezwungen haben zu dem, was sie wollten.

Dazu die guten, langjährigen Freunde. Die Verständnis für mich hatten und für mich da waren, auch wenn es nicht immer einfach war und noch ist mit mir.

Der Umzug in eine Aspie-freundliche Umgebung. Hier in Bad Reichenhall ist alles überschaubar, schnell vertraut. Die Uhren laufen langsamer und Anzüge tragen nur Bänker und Versicherungsvertreter. Es ist ruhig, kühl, schattig – selbst im Sommer. Schnell ist man ohne Aufwand oder Stress im Wald im kühlen Schatten mit diesen fantastischen Gerüchen.

Dann die Gründung meines Geschäfts vor 20 Jahren,  “my shop is my castle”, der mir Unabhängigkeit und Selbständigkeit brachte. Die Möglichkeit die Dinge so zu organisieren, wie sie gut für mich sind. Und ich gehe heute noch,nach 20 Jahren, jeden Tag gerne in mein Geschäft.

Und natürlich mein Mut und meine Energie, jede Chance zu nutzen, die sich mir bot, um neue Erfahrungen zu machen. Und dazu die notwendige Portion Glück.

Alles davon fand statt oder begann als ich noch nicht wußte bzw. mir eingestanden hatte, dass ich Aspie bin.

Kurioses

Obwohl ich keine EDV, kaufmännische oder sonstige Ausbildung habe, betreibe ich seit 20 Jahren erfolgreich (Überleben ist Erfolg!) mein Geschäft und habe einen Mitarbeiter zum “Kaufmann für Bürokommunikation” ausbilden dürfen.

Ohne Erzieherausbildung habe ich als Erzieher gearbeitet und eine gute Freundin durch ihre Erzieherausbildung begleitet. Die Begleitung bestand in der Vorbereitung ihrer Referate, für die sie immer mindestens ein “sehr gut” bekommen hat.

Ohne Restaurant- oder Hotelfachmann zu sein habe ich die schwierigsten Betriebe geführt.

Ohne Ausbildung zum Redakteur ein eigenes Magazin herausgegeben.

Und ohne diese Scheine und Ausbildungen werden meine Fähigkeiten in dieser Gesellschaft nie anerkannt werden. Die Gesellschaft orientiert sich nicht an dem, was jemand kann, sondern welche Scheine er hat.

Ausblick

Gastronomie ist einfach meine (spät entdeckte) Leidenschaft. Und Probleme lösen sowie soziales Engagement dazu.

Mein großer Plan ist ein Wohnprojekt für Menschen in Altersarmut. Die Pension in Inzell sollte eigentlich schon dazu werden, was leider aufgrund von Differenzen mit den Eigentümern nicht geklappt hat. Aber das läuft mir nicht davon. Manchmal brauchen die Dinge, wie ein guter Rotwein, Zeit zum Reifen. Näheres unter Seniorenkloster.de

Update – wie es weiter ging

Nach der Bewirtschaftung der Pension in Inzell kam in 2014 das Studium von einigen tausend Seiten Fachtext über Autismus. Und es wurde mir schnell bewusst, dass der Schlüssel zur Lösung des Rätsels Autismus in der Sozialpsychologie zu finden ist.
Anfang 2015 habe ich dann das erste Buch über Autismus veröffentlicht – insgesamt wurden es 23 Veröffentlichungen in etwas mehr als zweieinhalb Jahren, davon vier auf Englisch und eine auf Russisch.

Schnell wurde mir klar, dass das Hauptproblem sowohl für Autisten als auch ihre Familien die hohen Stressniveaus sind. Und das Urlaub somit besonders wichtig wäre.
Doch bislang gab es kaum Angebote für Autisten und ihre Familien

Ende 2016 haben wir dann die Solidar GmbH gegründet und den "Goldenen Stern" in Oberwarmensteinach gekauft. Am 9. Januar 2017 haben wir dann mit der Renovierung und der Umsetzung der Brandschutzmaßnahmen begonnen – und diese innerhalb von 7 Monaten abgeschlossen.

Während der Renovierungsphase sind alleine 6 Bücher von mir erschienen – neben der Bauleitung.

Aus dem Seniorenkloster wurde so das www.solidarhotel.de – mit preiswertem Urlaub für Familien mit (autistischen) Kindern.

In diesem bin ich geschäftsführender Gesellschafter und habe den schönsten Beruf der Welt – Familien glücklich machen :-)