Baron-Cohen, Simon


Simon Baron-Cohen ist – leider – einer der einflussreichsten Wissenschaftler im Bereich Autismus.
Von ihm stammt die "Mangel an Empathie"-Theorie genauso wie die "Extrem männliches Gehirn" und "Systemizing – Empathizing"-Theorie.
Wissenschaftlich plausibel sind alle diese Theorien nicht, was leider nicht bedeutet, dass diese nicht trotzdem in angesehenen wissenschaftlichen Zeitrschriften veröffentlich, populärwissenschaftlich verwurstet und viel zu oft zitiert werden.

Mit seinem Buch "Zero Degree of Empathy – The Science of Cruelty" jedoch gibt Baron-Cohen nun eine deutliche, klare Antwort.
Die Antwort auf eine erst im Nachhinein zu stellende Frage:
Wieviel Jahrzehnte brauchte es, bis das "Erbe" der Überlebenden von Konzentrationslagern und den Erlebenden von Kriegsgefangenschaft und Weltkrieg soweit verloren gegangen ist, dass man die Gräultaten des Naziregimes nutzen kann um die Menschen zu emotionalisieren.
Zu emotionalisieren für eine neue Form der Hexen-, Juden-, …-verfolgung, der Verfolgung von Menschen von vermeintlichem "Mangel an Empathie".

Baron-Cohen meint in seinem Buch die Ursache allen Übels, der Grausamkeit, identifiziert zu haben: die Menschen mit "Zero Degree of Empathy".
Die Unfassbarkeit menschlicher Grausamkeit findet hier eine simple, pseudowissenschaftliche Erklärung:
Die Menschen mit fehlender "Empathie" sind schuld, also Narzissten, Borderliner, Psychopathen … und ein wenig auch Autisten, doch die sind ja "zero positiv", haben zwar keine Empathie, aber machen nichts schlimmes.

Argumentativ verfolgt Baron-Cohen dabei die Hexen-"Logik":
Hexen haben rote Haare … und wer rote Haare hat ist eine Hexe.
Was sein EQ-Test misst ist (Mangel an) Empathie, und Empathie ist, was sein Test misst.
Der einzige Beweis, den Baron-Cohen für die vermeintliche Gültigkeit nennt, ist die von ihm überstrapazierte Übereinstimmung mit der Glockenkurve, der Normalverteilung.
Als Glockenkurven-Prokrustes behauptet Baron-Cohen, dass nur weil die Messungen seines Test eine Glockenkurve ergeben, diese auch Empathie messen.
Also wenn die Messung der Verteilung der Haarfarbe eine entsprechende Glockenkurve ergibt, folgt daraus, dass rothaarige Frauen Hexen sind.

Doch lassen wir lieber an dieser Stelle wenigstens kurz diejenigen zu Wort kommen, die anscheinend viel zu schnell in Vergessenheit geraten sind:

Jean Améry: "… dass die Unwahrheit – als Lüge, aber auch als Irrtum – schwanger geht mit der Untat"

Viktor E. Frankl, Das Leiden am sinnlosen Leben, "Einleitung":
Wenn ich gefragt werde, wie ich mir die Herkunft dieses existentiellen Vakuums erkläre, dann pflege ich die folgende Kurzformel anzubieten:
Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinke, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll.
Nun, weder wissend, was er muss, noch wissend, was er soll, scheint er oftmals nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will. So will er denn nur das, was die anderen tun – Konformismus!
Oder aber das, was die anderen wollen – von ihm wollen – Totalitarismus.

Horst Eberhard Richter, Die Chance des Gewissens, Kapitel "Psychiatrie mit unmenschlicher Vergangenheit":
Wie konnten sich die Psychiater nun dafür rechtfertigen, dass sie dem "Volksleben" eine "drückende, alljährlich wachsende Last" von "blöde und hilflos" jahrzehntelang dahinlebenden Irren aufbürdeten?
Der Schritt war nicht weit bis zur Entstehung eines folgereichen Buches, das im Jahr 1920 der zitierte Pschologieprofessor Alfred Hoche zusammen mit dem hochgeachteten Juristen Professor Karl Binding verfaßte.
In dem von ihm geschriebenen Teil führte Hoche unter anderem aus:
"Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen [er meinte geistig Schwerbehinderte, der Verf.] notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden, und wir müssen uns ernstlich mit ihr beschäftigen. …"
… Der Titel des Buches lautete: "Die Freigabe der Vernichtung unwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form." Ohne Zweifel wähnten sich Hoche und Binding wie viele andere, die ihre Gedanken damals aufnahmen oder die spontan ähnliches erwogen, von einem besonderen Verantwortungssinn motiviert. Führende Anthropologen, Humangenetiker, Verhaltenswissenschaftler gehörten zu dem Kreis, der bereits lange vor dem Machtantritt Hitlers besorgt war, ohne Ausmerzung "unwerten Lebens" werde der "Volkskörper" zunehmend ruiniert werden und der Entartung anheimfallen …
Aber wie sollte man damit fertig werden, dass das Gros der Elite eines idealisierten ärztlichen Berufsstandes der grauenhaftesten Pervertierung seiner humanen Aufgabe überführt war? …

Horst Eberhard Richter, Der Gotteskomplex, 7. Kapitel "Verwandlung des Leidens in projektiven Haß. Mittelalterliche und moderne Phänomene magischer Austreibung von Hexen, Rassenfeinden, "erblich Minderwertigen", Extremisten, Parasiten, "Risikofaktoren""
… Die Strategie der Leidensvernichtung spielt in unserer Kultur eine ungemein wichtige Rolle. Sie zeigt im Verlaufe des historischen Prozesses unterschiedliche Gesichter. In manchen Erscheinungsformen ist sie von roher Triebhaftigkeit bestimmt, in anderen ist sie durch zwangsneurotische und intellektualisierende Momente so maskiert, dass sie auf Anhieb kaum mehr erkennbar ist. …
Inzwischen gibt es zwar längst keine Hexenprozesse mher, aber in zahlreichen Abkömmlingen manifestiert sich weiterhin die Tendenz, Leiden schlechthin durch Anprangerung und Vernichtung von verteufelten Außenfeinden zu beseitigen.
Was die Primitivität der Projektion und den unmaskierten Sadismus betrifft, stehen zahlreiche neuere Auswüchse des Rassismus der klassischen Hexenjagd kaum nach. Die Gaskammern der Nazis sind die Scheiterhaufen des 20. Jahrhunderts. Die modernen "Errungenschaften" kennzeichnen sich dabei als administrativ-bürokratische Vervollkommnung der Fahndung und als technische Automatisierung des Tötens.
Es ist irreführend, die Leidensabwehr durch Außenprojektion lediglich in solchen furchtbaren Extremvarianten zu suchen: Schließlich gehört das zugrundeliegende Reaktionsmuster zu den verbreitetesten Bewältigungstechniken des alltäglichen Lebens.

Arthur Köstler, Der Mensch – Irrläufer der Evolution, Kapitel 4 "Ad majorem gloriam":
Der grundlegende Irrtum besteht darin, dass man die ganze Schuld dem Egoismus, der Gier und der angeblichen Destruktivität des Menschen, das heißt, der selbstbehauptenden Tendenzen des Individuums zuschreibt.
Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein; das läßt sowohl das historische als auch das pschologische Beweismaterial erkennen.
Kein Historiker würde leugnen, dass die Bedeutung der aus persönlichen Motiven begangenen Verbrechen sehr gering ist, wenn man sie mit dem Abschlachten ganzer Völker aus Loyalität gegenüber einem eifersüchtigen Gott, König, Land oder politischen System vergleicht.
Die persönlichen Untaten eines Caligulas schrumpfen angesichts der von Torquemada, dem spanischen Großinquisitor, angeordneten Blutbäder zu einem belanglosen Nichts zusammen. Die Zahl der Menschen, die von Banditen, Straßenräuber, Gangstern und anderen asozialen Elementen umgebracht wurden, fällt angesichts der Massen, die im Namen der wahren Religion oder der gerechten Sache leichten Herzens erschlagen wurden, kaum ins Gewicht.
Ketzer wurden nicht aus Wut, sondern aus Sorge um das Wohlergehen ihrer unsterblichen Seelen gefoltert und verbrannt. …


Noch unbeantwortet jedoch sind folgende Fragen:

Wie lange wird die "Scientific Community" brauchen, um den gefährlichen Aberglauben von Baron-Cohen auf den Müllhaufen der Wissenschaft zu werfen?

Wieviel Leid und Unheil werden noch, nicht durch diese "Theorien", sondern durch die diese kritiklos nachplappernden "Wissenschaftler", bis dahin verursacht?

Wie vielen Autisten wird ein "Mangel an Empathie" unterstellt werden, bis dem irren Spiel ein Ende bereitet wird?

Wann wird Baron-Cohen nur noch als "Irrläufer der Wissenschaft", als abschreckendes Beispiel wie die "Kühlschrank-Mütter"-Theorie, zitiert werden?

Was man von dem Buch lernen kann sind die Mechanismen der Volksverhetzung:
- Immunisierung
durch die Betonung der eigenen Bedeutung, dem "Standing" in der "Scientific Community".
Den Hinweisen auf die Fehler anderer, wie der Theorie der "Kühlschrank-Mütter" als Grund für Autismus, Luthers Äußerungen über die Juden als Vorlage für Hitler, … um von den eigenen (gleichen) Fehler abzulenken.
- Emotionalisierung
durch die Schilderung punktueller Grausamkeit, beliebig herausgegriffen aus dem Ozean der unfassbaren menschlichen Grausamkeiten.
- Individualisierung
des Bösen in Form von Menschen mit vermeintlich "Zero Degree of Empathy"
- Dehumansierung
der Menschen mit psychischen Störungen, mit narzistischer Persönlichkeitsstörung, Borderline, …, wie im Nationalsozialismus!
Es sind keine Menschen, keine Individuen mit psychischen Störungen mehr, sondern "die alle" mit "Zero Degree of Empathy".